Kapitel 9 - Wissenschaftstheorie Teil 2: Merkmale guter Theorien

21.04.09, 21:29:06 von philosophie
Merkmale guter Theorien

Wie müssen nun gute Theorien aussehen? Sie müssen folgende Kriterien aufweisen:

1. Widerspruchsfreiheit:
Die allgemeinen Regeln der Logik müssen beachtet werden: Kein Widerspruch, kein Zirkelschluss darf auftreten.

2. Verträglichkeit:
Eine brauchbare Theorie darf anderen bewährten Theorien aus diesem Bereich nicht widersprechen. Darwins Theorie ist deshalb gut abgesichert, weil sie mit Befunden aus der Physik, Paläontologie, Geologie und Chemie übereinstimmt. Wäre umgekehrt gesagt die Evolutionstheorie falsch müssten auch viele Kapitel anderer Forschungsbereiche neu geschrieben werden.

3. Vorhersagbarkeit: Vorhersagen müssen möglich sein
Im Jahr 1681 wurde der Planet Uranus entdeckt. Was den Astronomen Rätsel aufgab, war, dass seine Umlaufbahn Abweichungen von der von Isaac Newton durchgeführten Berechnungen aufwies. Noch vor 1720 war klar, dass ein weiterer, bisher noch unbekannter Planet diese Abweichungen verursachte. Tatsächlich wurde im Jahr 1846 der Planet Neptun genau am theoretisch vorhergesagten Ort mittels Teleskop entdeckt. Isaac Newtons Berechnungen hatten es ermöglicht den Planeten gleichsam « vorherzusagen ».

Problematisch ist die Forderung nach Vorhersagbarkeit in so genannten "weichen" Wissenschaften, wie z.B: Geschichte oder Politologie. Schon Wirtschaftsprognosen und erst recht die Vorhersagen von Wahlergebnissen sind oft nur schwer durchzuführen, da zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen sind, die in komplexen Beziehungen zueinander stehen und nur statistisch erfasst werden können.

4. Überprüfbarkeit: Intersubjektive Überprüfbarkeit muss gegeben sein:
"Intersubjektiv überprüfbar" bedeutet: Im Prinzip muss JEDER Mensch die Behauptung, das Experiment, den entsprechenden Befund nachprüfen können.
Dies ist wohl die wichtigste Forderung, die man an eine gute Theorie stellen muss. Das Prinzip der intersubjektiven Überprüfbarkeit ist DAS entscheidende Kriterium, um zwischen wis-senschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Behauptungen oder Behauptungen, die nicht auf empirische Beweise, sondern auf « reinem Glauben » beruhen zu unterscheiden.
«Pseudowissenschaftlich » sind solche Behauptungen, die entweder gar nicht empirisch belegt werden konnten oder wo die Befunde bislang zu keinen eindeutigen Ergebnissen geführt haben. Meist soll der Anschein einer wissenschaftlichen Fundierung erweckt werden, bei skeptischer Prüfung der Sachverhalte gelangt man entweder zu gar keinen Ergebnissen oder die Befunde sind nicht ausreichend, um die Behauptungen zu stützen.
Beispiele für solche Fragestellungen :
Gibt es « Energetisch angereichertes Wasser » wie oft behaupter wird ? Ist dieses wirklich gesunder als ganz normales, reines Leitungswasser ?
Ist Impfen gefährlich und nur eine Geschäftemacherei der großen Pharmakonzerne ?
Gibt es UFOS ? Gibt es Geister ?
Gibt es die so genante Chi-Energie, die laut chinesischer Medizin durch unseren Körper fließen soll ?
Wie genau wirken Homöopathische Arzneimittel und Akupunktur ?
Können Gebete andere Menschen heilen ?
Gibt es Menschen, die Übersinnliche Wahrnehmungen haben, oder die wahrsagen können ?
Für die meisten dieser Fragen stehen die empirischen Beweise noch aus. einige kann man zumindest als « harmlos » einstufen. Problematisch wird es erst, wenn jemand dogmatisch z.B. alternativmedizinische Behandlungen als einzig wahre Heilmethode hinstellt und z.B. deswegen eine dringend notwendige, « schulmedizinische » Krebstherapie abgebrochen wird. Wichtig ist hier, einen « gesunden Skeptizismus » zu vertreten, spekulative Behauptungen zwar nicht gleich auf die Seite zu schieben, aber auf jeden Fall kritisch zu hinterfragen.

5. Einfachheit:
Eine einfache Forderung : Eine gute Theorie soll so wenig Elemente wie möglich enthalten Dies nennt man auch "Ockhams Rasiermesser", weil diese Forderung auf den mittelalterli-chen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham zurückgeht.
Ein Beispiel aus dem Alltag : Ein Erwachsener tritt ins Wohnzimmer und sieht sein Kind vor den Scherben einer zerbrochenen Vase stehen. Was wird wohl passiert sein ? Das Prinzip von Ockhams Rasiermesser besagt in diesem Fall, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass die EINFACHSTE Erklärung die richtige ist, nämlich dass das Kind die Vase zerbrochen hat.
Zusammengefasst : Der Theoriekern sollte möglichst klein sein.
Beispielsweise vertreten manche Gruppen die Theorie, dass das Weltraumprogramm der NASA, dass z.B. die Mondlandung 1969 nicht stattgefunden hat. Um Theorie zu halten, muss sie immer weiter ausgebaut werden, immer mehr Fakten müssen « umgedeutet » werden und oft landet man damit bei so genannten "Verschwörungstheorien".

6. Fruchtbarkeit: Die Theorie soll möglichst viele Phänomene beschreiben
Der Theoriekern soll möglichst klein, der Anwendungsbereich groß sein. Wenn man sich den Theoriekern als kleinen Kreis und den Anwendungsbereich als größeren, darunter liegenden Kreis vorstellt, so erhält man die Figur eines abgeschnittenen Kegels oder « Lampenschirms ».
theorie1.jpg
So wie dieser Lampenschirm sollte eine gute Theorie aussehen.
Ein sozusagen « umgekehrter Lampenschirm » war im antiken Griechenland die "Theorie" über die Sonnenbewegung: Die Griechen meinten, die Sonne sei ein Wagen, der von Gott Helios übers Firmament gelenkt wird.: Diese Theorie beschreibt nur ein einziges Phänomen, der Anwendungsbereich ist also extrem gering.
Ein Beispiel für eine gute, wenn man so will, « lampenschirmartige » Theorie ist Newtons Gravitationsgesetz, oder Einsteins Relativitätstheorie « E=mc² »: Beide sind sehr einfache Theorien die aber extrem viele Phänomene erklären.

7. Kritisierbarkeit: Die Theorie muss zumindest theoretisch widerlegbar sein
Von einer guten Theore wird gefordert : Es muss einen Punkt geben, an dem die Theorie nicht mehr funktioniert. Es muss auch Phänomene geben, die sie NICHT vorhersagt.
Ein Beispiel für eine – in diesem Sinne –schlechte Theorie ist die Wetterregel :
« Kräht der Hahn auf dem Mist
ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie es ist. »
Diese Theorie sagt also etwas voraus, sagt aber auch ihr Gegenteil voraus ; Man könnte auch sagen, der Anwendungsbereich ist unendlich groß.
Ein Beispiel : Freuds Theorie vom Unterbewussten: Wenn nach dieser Theorie ein Mensch über traumatische Kindheitserlebnisse berichtet lässt dies einen Schluss zu auf vorhandene, versteckte Neurosen. Wenn aber derselbe Mensch das vorhandensein unangenehmer Erleb-nisse aber leugnet, ist dies – und gerade dies ! - ebenfalls ein Hinweis auf latente Neurosen, da das Leugnen als "Widerstand" und "Abwehrreaktion" der Psyche verstanden wird

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  1. Zarah sagt:
    Hallo, das ist eine wunderbare Erläuterung. Leider ist dein Text nicht zitierwürdig. Hast du einen Tipp in welchem schlauen Buch ich die Grundsätze guter Modellbildung gut zusammengefasst finden kann?

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