Kapitel 9 - Wissenschaftstheorie Teil 1: Grundfragen der Wissenschaftstheorie

16.04.09, 20:39:52 von philosophie
Wissenschaftstheorie beschäftigt sich mit folgenden Grundfragen:
Was ist und wie funktioniert Wissenschaft?
Wie steht es um die Gültigkeit von Naturgesetzen?
Wie entwickelt man gute wissenschaftliche Theorien ?
Wie kann man wissenschaftliche von pseudowissenschaftlichen Behauptungen unterschei-den ?

Grundbegriffe
• Was ist zunächst Wissenschaft ? Wissenschaft ist ein widerspruchsfreier Ableitungs-, Beschreibungs- und Begründungszusammenhang von bestätigungsfähigen, empirisch fundierten Aussagen. Wichtig ist dabei zu betonen, dass Wissenschaft nicht eine Lehre im strengen Sinn ist, sondern vielmehr eine Methode oder eine Vorgangsweise. Die Wis-senschaft macht immer eine Reihe von Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert und was sie – um mit Goethes Faust zu sprechen « im Innsersten Zusammenhält ». Diese An-nahmen lesen wir aber nicht sozusagen im « großen Buch der Wahrheit », sondern sie werden wie ein Puzzlespiel Stück für Stück oft in mühevoller Kleinarbeit zusammenge-tragen, wobei Wissenschaft immer offen gegenüber Kritik bleiben muss.
• Der Begriff « empirisch » : empirisch abgesichert sind Behauptungen, die sich durch die Erfahrung belegen lassen.
• Wichtig sind auch die Begriffe Beobachtung und Beschreibung: Die Wissenschafter wollen gar nicht in erster Linie wissen, WARUM etwas geschieht (wie man vermuten könnte). In erster Linie wird ein Wissenschafter zunächst nur wissen wollen WIE etwas geschieht. Genaue Beochtung und Beschreibung der zu untersuchenden Phänomene ist deshalb grundlegend für jede wissenschaftliche Forschung. So verwendete der berühmte Biologe Charles Darwin (1809-1882) nach einer langen Forschungsreise, die ihn bis zu den Galapagos-Inseln führte, Jahre seines Lebens, rund um seinen Landsitz in Down House, England Pflanzen und Tiere zu studieren, wobei er alle Beobachtungen penibel genau dokumentierte und beschrieb. Erst nach diesen Forschungen formulierte er seine berühmte Theorie von der Entstehung der Arten.
• Hypothese : Eine Hypothese ist eine vorläufige, noch nicht ausreichend bestätigte An-nahme über bestimmte Zusammenhänge in der Natur. So machte Darwin die Annahme, dass z.B. Kletterpflanzen wie z.B. Hopfen einen bestimmten Botenstoff verwenden, um in die Höhe wachsen. Erst später konnte er diesen Stoff identifizieren, das Wachstums-hormon Auxin. Dieses war eines der ersten Hormone, die überhaupt erforscht wurden.
• Theorie : Dies ist eine durch ausreichtende Beobachtung und Experimente bereits abge-sichterte Hypothese. Darwin veröffentlichte seine Theorie der Entstehung der Arten im Jahr 1859, nachdem er schon mehr als 20 Jahre lang an ihr sozusagen « gebastelt » hatte. Erst als ihm die Belege für seine Theorie ausreichend erschienen wagte er den Schritt, diese damals « skandalöse » Theorie der wissenschaftlichen Welt vorzulegen.
• Experiment : In einem Experiment bildet man - allgemein gesprochen - die Wirklichkeit in vereinfachter Weise nach und versucht mithilfe von Versuchs- und Kontrollgruppen die Faktoren herauszufinden und zu isolieren, die ein Phänomen verursachen. So experi-mentierte Darwin beispielsweise jahrelang mit verschiedenen Blütenpflanzen, um heraus-zufinden, wie ihre Fortpflanzung mittels Insektenbestäubung funktioniert.
• Paradigma : Ein Paradigma ist eine « Meta-Theorie », also eine « Über-Theorie » oder « Groß-Theorie », die ihrerseits zahlreichte Theorien, die derzeit als gültig erachtet wer-den, beinhaltet. Vor Darwin waren die Menschen überzeugt, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat, seit Darwin wurde dieses Paradigma stark in Zweifel gezogen.
Deduktion und Induktion

Zwei weitere wichtige Begriffe sind Deduktion und Induktion.

Deduktion
Dies ist ein Schluss vom Allgemeinen auf das Einzelne
Ein Beispiel: Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Deshalb ist Sokrates sterblich.
Eine Deduktion ist, wenn sie richtig durchgeführt wird, absolut sicherer, ein "logischer" Schluss.
Allenfalls könnte man eine oder beide Prämissen in Zweifel ziehen, nicht aber die Konklu-sion.

Induktion

Die Induktion ist ein Schluss von Einzelnen auf das Allgemeine.
Wir beobachten z.B. mehrere weiße Schwäne und ziehen daraus den Schluss : « Alle Schwä-ne sind weiß ».
Ein Beispiel aus der Wissenschaft : Der Astronom Edwin Hubble hat in den 1930er jahren beobachtet, dass das Farbspektrum verschiedener Galaxien mehr oder weniger stark in den Rotbereich verschoben ist. Aus diesen Einzelbeobachtungen schloss er daraus, dass diese « Rotverschiebung » bei ALLEN diesen Galaxien » auftritt.
Die Rotverschiebung ist übrigens ein Hinweis darauf, dass Universum nicht statisch ist, son-dern sich kontinuierlich ausdehnt.

Induktionsskepsis

Das Problem mit der Induktion ist folgendes :
Da die Induktion von einer endliche, begrenzten Menge auf eine unbegrenzte Menge schließt, kann dieser Schluss niemals vollständig, sozusagen 100% ig sicher sein. Schon das Auftretne eines einzigen schwarzen Schwans oder einer einzigen nicht rotverschobenen Galaxie kann die aufgestellte Theorie umwerfen.

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