Kapitel 4 - Erkenntnistheorie, Teil 6: Skeptische Kritik am Rationalismus

22.12.08, 17:13:41 von philosophie
Skeptische Kritik am Rationalismus

Der Skeptiker hat für den Rationalisten schon den nächsten Einwand parat: Er könnte folgendes fragen:
Ist es nicht so, dass bestimmte „Wahrheiten“ selbst-evident für den Einen sind , jedoch nicht für einen Anderen? Das Problem ist abermals, dass unabhängig von der Aussage Selbst-Evidenz immer nur etwas Subjektives ist, etwas ist nicht einfach Selbst-Evident, etwas ist immer nur MIR selbst-evident, und nicht notwendigerweise auch jemand anderem.

Der Rationalisten waren immer von den ewigen Wahrheiten der Mathematik und Geometrie fasziniert. Anhand der Methoden der Mathematik und Geometrie wollten sie sichere Wahrheiten konstruieren, wollte sie zu sicherer Erkenntnis gelangen, auch z.B. im Bereich des Moralischen, bei der Frage, was gut und was schlecht ist. Doch bezogen sie sich dabei immer auf die uns geläufige so genannte „euklidische“ Geometrie, den dreidimensionalen Raum. Doch kennt die Mathematik inzwischen auch die nicht-euklidische Geometrie, in der Satz mit der Winkelsumme des Dreiecks nicht mehr gilt. Ein größeres Dreieck hat hier beispielsweise eine größere Winkelsumme. Dies war ein großer Schlag gegen das rationalistische Konzept. Wieder gelten die „absoluten Wahrheiten“ der Mathematik und der Geometrie nur auf bestimmte „Grundannahmen“ (man sagt auch: Axiomen), also „relativ“ zu diesen, in dem Fall die Grundannahme, um wir über euklidische oder nicht euklidische Geometrie sprechen – und dieses Axiom ist nicht feststehend, sondern vom Betrachter abhängig.
Doch diese Art der „immer-nur-zum-Betrachter-relativen-Erkenntnis“ hat der Skeptiker von Anfang an immer behauptet.
Nachdem auch der Rationalismus mit diesen schwerwiegenden Einwänden konfrontiert ist, scheint der Skeptiker weiterhin Recht zu behalten.

Wir erinnern uns and die Worte des Gorgias
„Erstens: es gibt nichts.
zweitens: wenn es auch etwas gäbe, wäre es doch für den Menschen unerkennbar;
drittens, wenn es auch erkennbar wäre, wäre es doch unseren Mitmenschen nicht mitteilbar und nicht verständlich zu machen.“

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