Kapitel 4 - Erkenntnistheorie, Teil 4: Realismus und Idealismus

22.12.08, 17:00:24 von philosophie
Realismus
Der Realist behauptet, die Welt existiert unabhängig vom Betrachter, ein Baum macht auch ohne dass ihn jemand hört ein Geräusch, wenn er umfällt, er existiert auch ohne mich usw.
Man unterscheidet manchmal den naiven Realismus vom kritischen Realismus. Ersterer meint, dass die Welt genau so ist, wie wir sie wahrnehmen, was offenkundig unsinnig ist, beispielsweise nehmen wir eine Person im Vordergrund größer wahr als den Kirchturm im Hintergrund, obwohl der Kirchturm größer ist. Der kritische Realismus, der typischerweise von Naturwissenschaftern vertreten wird, nimmt darauf Rücksicht und erklärt, dass man die Wirklichkeit erschließen muss – z.B. würde ein Physiker sagen, die Objekte der Welt haben genau genommen gar keine Farbe, Farbe ist reflektiertes Licht einer bestimmten Wellenlänge, die Farbe „entsteht“ erst durch unseren Sinnesapparat. Das eigenartige an dieser Position ist, dass sie zwar von vielen Wissenschaftern (bewusst oder unbewusst) vertreten wird. Doch eine Widerlegung des Skeptikers kann mit diesen Argumenten nicht erfolgen. Der Skeptiker könnte einfach sagen: Ich habe nie bestritten, dass wir rote Sinnesempfindungen haben, und wenn du sagst, das die Dinge selbst eigentlich gar keine Farbe haben, unterstützt mich noch in der Meinung, dass wir zwar subjektive Empfindungen – z.B. eine Rot-Empfindung beim Betrachten eines reifen Apfelsl – haben, doch über die wahre Natur der Dinge, wie der Apfel WIRKLICH aussieht, wissen wir immer noch nichts.
Ein Art Mischform ist der
Kritizismus
Er akzeptiert nur solche Behauptungen, die sich nach kritischer Prüfung behauptet haben. Diese Behauptungen sind nicht „absolut wahr“, sondern nur die bestmöglichen Erklärungsmodelle, sie können jederzeit theoretisch wiederlegbar und gegebenenfalls durch bessere zu ersetzen. diese Position vertrat beispielsweise der österreichische Philosoph Karl Popper. (Seine Position nennt man auch „Kritischer Rationalismus“, oder „Fallibilismus“)

Im Gegensatz zum Realismus steht der
Idealismus.
Dieser meint, eine Erfahrung zu haben (Beispielsweise ein Geräusch, das der Baum beim Umfallen macht) ist überhaupt nur sinnvoll in Bezug darauf, dass den Baum jemand hört bzw. wahrnimmt. Letztlich sind unsere Sinne das Tor zur Welt. Wer die Sinne, wer dieses Tor verneint, verneint auch die Welt. Das „Ich“ ist sozusagen hier ein primärer Faktor: Die Welt existiert radikal gesprochen, immer nur in unserer Wahrnehmung. Ohne Wahrnehmung würden wir von der Welt da draußen nichts wissen.
Ein Vertreter dieser Philosphie war Geroge Berkeley (1685-1753). Seine philosophische Position war auf den Punkt gebracht: „esse est percipi“: „Sein ist Wahrgenommen-werden“. Dinge existieren nur, insofern sie von jemandem wahrgenommen werden.
Nach einem Wort des Philosphen Bertrand Russell (1872-1970) ist es
„das Verdienst Berkeleys gezeigt zu haben, dass man die Realität sinnvoll leugnen kann“

Das Paradoxe ist, das sich eine Realist und ein Idealist über alle Inhalte ihrer Wahrnehmung einig sind, beispielsweise wenn sie über denselben Berg sprechen, z.B. den Grimming in der Obersteiermark: Sie sind sich einig, dass er 2351 Meter hoch ist, aus grauem Kalkgestein besteht, diese und jene Form hat, usw. Der Realist behauptet jedoch, dass der Berg unabhängig von ihm existiert, der Idealist, dass der Berg das Resultat unserer Vorstellungen ist.
Mit seinem Entwurf wollte Berkeley den Empirismus gegen den Skeptizismus (wir erinnern uns an das Honig-Beispiel) schützen, doch der Skeptiker schlägt zurück:
Denn was den Berg betrifft: Was bedeutet eigentlich „unsere Vorstellungen“? Genaugenommen hat jeder nur seine eigenen Vorstellungen –und genau genommen sind andere Menschen auch nur Teil MEINER EIGENEN Vorstellungswelt. Wenn ich ganz genau bin, müsste ich eigentlich sagen: Es gibt überhaupt nur mich und meine Vorstellungen. Diese Position nennt man auch den
Solipsismus.
Solipsist kann man nicht ernsthaft sein. Wer behauptet, dass nur er selbst existiert (das bedeuten die lateinischen Worte „solus ipse“), alle anderen Dinge und Menschen nur Erscheinungen sind, würde sicherlich als psychisch krank eingestuft werden. Tatsächlich hat auch kein Philosoph den Solipsismus ernsthaft vertreten, er zeigt nur auf, dass der Idealismus Berkeleys – folgerichtig weitergedacht - absurde und unnannehmbare Konsequenzen hat. Außerdem müsste ja der Solipsist auch die Existenz seines eigenen Körpers, seines Gehirns usw. in Zweifel ziehen. Wer aber behauptet, es existieren nur seine eigenen Vorstellungen, behauptet genau genommen, dass überhaupt nichts wirklich existiert.
Wieder hätte somit der Skeptiker gewonnen. Soweit zur Argumentatiosnlinie des Empirismus.

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  1. Louis sagt:
    Danke, dieser Artikel hat mir nicht nur in Bezug auf mein Referakt geholfen, es hat auch ein Stück zu meinem persönlichen Philosophieren beigetragen. Doch dem letzten Absatz möchte ich widersprechen: Oder, ich weigere mich, einzusehen, dass der Skeptiker doch gewinnt. Eigentlich würde ich mich selbst als eben jener Solipsist bezeichnen, doch mein Gehinr sträubt sich irgendwie dagegen, wahrscheinlich weil es weiß, dass es einen logisch einfach niocht weiter bringt, wenn man sicher wäre, dass man ein Solipsist sei.
  2. Pascal sagt:
    Kein wirkliches Argument gegen den metaphysischen Solipsismus. Sofern ich der Wirklichkeit selbst 100% Wirklichkeit zurechne, mag Solipsismus einer Wahnvorstellung gleichen. Wenn ich aber wie im Hinduismus in Betracht ziehe, dass die Wirklichkeit eine Illusion sei (Maya), ist der Solipsismus nicht nur durchaus vorstellbar, sondern jeder realistische Gedanke (Glaube an unabhaengige Existenz der Illusion) waere blanker Wahnsinn.

    Irgendwann sollte man den Zweifel selbst anzweifeln.

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