Kapitel 4 - Erkenntnistheorie, Teil 2: Skeptizismus, Kriterien des Wissens

20.10.08, 18:52:15 von philosophie
Die gegenteilige Position zum Dogmatismus ist die des Skeptizismus:

Der Skeptiker (wörtlich: „der, der sorgfältig prüft und abwägt“) bestreitet grundsätzlich die Möglichkeit, dass man zu Erkenntnis gelangen kann. Zumindest bestreitet er, dass man etwas mit absoluter Sicherheit wissen kann. Seine Position sieht auf den ersten Blick unwahrscheinlicher aus, denn, wie gesagt, im Alltag „wissen“ wir doch so viele Dinge, oder etwa nicht?
Berühmte Skeptiker waren beispielsweise Sokrates („Ich weiß, dass ich nichts weiß“) und später Pyrrhon von Elis (360 – 270 vor Chr.) Letzterer steht für die radikale Skepsis, denn Pyrrhon bestritt sogar, dass man wissen könne, dass man nichts weiß…
Spätere Skeptiker waren in römischer Zeit Sextus Empiricus (2. Jh. n. Chr.) und in der Neuzeit Michel de Montaigne (1533-1592) und David Hume (1708-1776). Der Sophist und Skeptiker Gorgias von Leontinoi (480-380 v. Chr.) fasste den (radikalen) Skeptizismus in folgenden Worten treffend zusammen:
„Erstens: es gibt nichts.zweitens: wenn es auch etwas gäbe, wäre es doch für den Menschen unerkennbar; drittens, wenn es auch erkennbar wäre, wäre es doch unseren Mitmenschen nicht mitteilbar und nicht verständlich zu machen.“
Wie aber kommt der Skeptiker zu solch ungeheuerlichen Behauptungen?

Kriterien des Wissens

Wann können wir mit Recht behaupten, wir wüssten etwas?
Nehmen wir zum Beispiel den Satz:
„Ich weiß, dass jetzt jemand vor der Tür steht.“

Gundsätzlich müssen für Wissen drei Bedingungen erfüllt sein:

1.) Wahrheit: Es muss zunächst wahr sein, dass jemand vor der Tür steht. Wahrheit bedeutet für die meisten im Alltag, dass die Aussage „Es steht jetzt jemand vor der Tür“ mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
2. ) Glaube: Ich muss das, was ich behaupte auch subjektiv, oder wenn man so will in psychologischer Hinsicht auch für-wahr-halten (oder glauben). Es hätte keinen Sinn, zu sagen: „Es ist wahr, dass jemand vor der Tür steht, aber ich glaube es nicht“. Zumindest wäre das dann kein „Wissen“.
3.) Rechtfertigung: Wirklich wissen kann ich nur etwas, wenn ich es gerechtfertigt glaube. Wenn ich z.B. sage „Es steht jetzt jemand vor der Tür“ und nehmen wir an, ich habe keine Möglichkeit, das zu wissen (weil ich nicht nach draußen sehe, es nicht nachprüfe usw.) und nehmen wir aber weiter an, es stünde tatsächlich zufällig jemand vor der Tür, so kann ich trotzdem nicht „wissen“, dass jemand vor der Tür steht. Der Sachverhalt entstand zufällig und nicht gerechtfertigt.

Ein anderes Beispiel: Ich habe eine Uhr und möchte die Uhrzeit ablesen, sagen wir, es ist zehn Uhr. Was ich nicht weiß: Meine Uhr ist schon vor Tagen stehen geblieben. Aber der Zufall will es, dass es momentan tatsächlich gerade 10 Uhr ist.
Somit ist die Bedingung der Wahrheit erfüllt, auch die Bedingung des Glaubens, doch ist mein Glaube nicht gerechtfertigt. (Ich glaube an das Richtige, aber aus den falschen Gründen)

Zusammengefasst könnte man sagen:
Wissen = Gerechtfertigter wahrer Glaube

Skeptische Kritik am Wahrheitsbegriff

Wir sagten ja: Wissen ist Gerechtfertigter wahrer Glaube
Beim Punkt „Rechtfertigung“ kann nun der Skeptiker sozusagen den Hebel ansetzen. Denn jeder Grund, den ich angebe, warum ich etwas für wahr halte, muss ja seinerseits wieder gerechtfertigt werden. Wenn ich sage „Ich weiß, dass jetzt jemand vor der Tür steht“, weil mir jemand angekündigt hat, er kommt um zehn Uhr usw. habe ich einen Grund. Doch das ist ja wieder eine Aussage, für die ich eine Rechtfertigung fordern kann. Ich könnte fragen: „Und woher weiß ich nun wiederum DAS?“. Auf diese Weise gerät man bezüglich der Begründung einer Aussage in ein dreifaches Dilemma (Dieses ist in der Philosophie bekannt als das Dilemma des Agrippa, das de Vries-Dilemma oder auch Münchhausen-Trilemma). Dieses sieht folgendermaßen aus:
1. entweder gerate ich in eine undendlichen Regress (eine Begründung der Begründung der Begründung)
2. oder ich begehe einen Zirkelschluss: ich versuche etwas zu begründen, was in der Beweiskette bereits vorkommt. (Beispiel: Woher weiß ich, dass jemand vor der Tür steht? Weil mir jemand angekündigt hat, er kommt um zehn Uhr. Warum weiß ich dies so genau? Weil mein Bekannter bekannt dafür ist pünktlich und zuverlässig zu sein. Warum weiß ich dies? Weil er ja auch jetzt pünktlich genau zu dieser Uhrzeit vor der Tür steht...)
3. oder ich breche den Regress an einer bestimmten Stelle willkürlich ab.

Da die erste Lösung (also der unendliche Regress) einen Gewinn für den Skeptiker darstellt, die zweite (also der Zirkelschluss) einen Fehler, haben Philosophen eigentlich nur die dritte „Lösung“ angestrebt. Zwei Richtungen, die meinen, man müsse die Begründungskette an einer Stelle abbrechen sind einerseits der Empirismus, andererseits der Rationalismus.

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