Kapitel 14 - Existenzphilosophie, Teil 1: Historische Wurzeln und Kurzcharakteristik

21.04.10, 14:01:30 von philosophie
Existenzphilosophie/Existentialismus

Historische Wurzeln

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855), gilt als eigentlicher Vater der Existenzphilosophie, er sieht den Menschen in eine paradoxe Welt geworfen und in Schuld und Sühne verstrickt;
Das erste wichtige Werk der Existenzphilosophie war das Buch „Psychologie der Weltanschauungen“ (1919) von Karl Jaspers. Karl Jaspers war neben Martin Heidegger der bedeutendste Existenzphilosoph im deutschen Sprachraum. Andere deutschsprachige Philosophen, die der Existenzphilosophie zugerechnet werden, sind u.a. die Dichter Rainer Maria Rilke und Franz Kafka. Die Existenzphilosophie hatte ihre Blütezeit zwischen den beiden Weltkriegen- Martin Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ erschien 1927 und Jaspers „Philosophie“ 1932. In Frankreich entstand nach dem 2. Weltkrieg mit dem Existentialismus ein neuer Höhepunkt existenzphilosophischen Denkens. Seine Hauptrepräsentanten waren Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Gabriel Marcel und Simone de Beauvoir. Zum Unterschied von der deutschen Existenzphilosophie ging der Einfluss des französischen Existentialismus weit über den engeren Bereich der Fachphilosophie hinaus. Sartre, Camus und Marcel brachten ihre existentialistischen Gedanken und Fragesellungen auch mit dichterischen Mitteln zum Ausdruck somit beeinflussten sie nachhaltig die französische Literatur- und Künstlerszene. Anfang der 50er Jahre beschrieb das Wort „existentialistisch“ eine bestimmte Art von Lebensform. In Paris gab es so genannte Existentialisten- Keller als Treffpunkte für Anhänger dieser Lebensform. Die Existenzphilosophie ist keine philosophische Schulrichtung im engeren Sinne sondern sie schließt höchst individuelle Denker ein die sich in ihrem Philosophieren erheblich voneinander unterscheiden.

Kurzcharakteristik

o Existenzphilosophisches Denken ist ein persönlich engagiertes Denken. Es zielt einerseits auf existentielle Lebensprobleme ab und andererseits versteht es sich auch als Resultat der Lebenspraxis und muss deshalb in engstem Zusammenhang mit dem persönlichen Erleben der Philosophierenden gesehen werden. (Sartres Konzept der absoluten Freiheit ist auch das Ergebnis von Sartres Engagement in der französichen Résistance während des 2. Weltkrieges)
o Kennzeichnend für die Existenzphilosophie ist auch die bewusste Abkehr von einem rationalistischen Menschenbild und die intensive Beschäftigung mit emotionalen Grunderfahrungen und Grenzsituationen des menschlichen Lebens. Im Gegensatz zu rationalistischen Strömungen wollten die Existenzphilosophen den Menschen nicht bloß als Denker sondern als „existierenden Denker“ - ein Wesen dass von existentiellen Grunderfahrungen wie Angst, Verzweiflung, Einsamkeit, dem Bewusstsein des Todes und der Sinnlosigkeit des Lebens erschüttert wird. Durch diese Erfahrungen wird der Mensch auf seinen innersten, eigentlichen Kern seines Wesens zurückgeworfen.
o Die zentralen Überlegungen kreisen um einen innersten Kern des menschlichen Wesens, um die „Eigentlichkeit“ (Heidegger) oder die „Existenz“ (Jaspers). Es wird angenommen, dass dieser Wesenskern des Menschen nicht mit empirisch feststellbaren Persönlichkeitseigenschaften identisch ist.
o Die uralte Frage nach dem Sein wird von den Existenzphilosophen von vornherein so gestellt dass dabei das menschliche Sein in den Mittelpunkt gerückt wird. Es werden zwei Dimensionen unterschieden: das eigentliche Sein und das uneigentliche Sein.
o Die Existenzphilosophie war wie keine andere Denkströmung des 20. Jh. Ein spezifischer Ausdruck und zugleich eine Reaktion auf Entfremdungs- und Krisensituationen. Krisensituationen waren gerade nach dem 1. und 2. Weltkrieg in besonderem Maße gegeben. Die politischen Konflikte, die wirtschaftlichen und sozialen Krisen bewirkten in vielen Menschen auch Weltanschauungskrisen. Die Existenzphilosophie war ein Versuch durch den Rückzug den Menschen einen letzten Halt in Anbetracht der allgemeinen Verunsicherung zu finden. Obwohl sich der Existenzialismus hauptsächlich mit Themen wie Tod, Schuld, Sprachlosigkeit sowie der allgmeinen Rätselhaftigkeit und Absurdität des Daseins beschäftigen, ist sie dennoch eine lebensbejahende Philosophie, da sie versucht, die menschlichen Fragen aus der Perspektive der Immanenz, aus der „Diesseitigkeit“ zu beantworten.

Kritische Würdigung

Positiv:
o Zu den positiven Seiten der Existenzphilosophie gehören oft sehr einfache und einfühlsame Beschreibungen von Gefühlen und Stimmungen.
o Die Existenzphilosophie begnügt sich aber nicht damit emotionale Grundsituationen zu beschreiben sondern zur Bewältigung von negativen Situationen wurden positive Konzepte menschlicher Selbst- und Sinnverwirklichung angeboten. Bei Kierkegaard ist dieses Konzept ein persönliches Glaubensverhältnis zu Gott, bei Jaspers die existentielle Kommunikation, für Camus das bewusste Aufsichnehmen des tragisch-absurden Lebens.
o Von der Existenzphilosophie, im Besonderen dem Existentialismus, sind nachhaltige Einflüsse auf die erzählende und dramatische Literatur ausgegangen.
Negativ:
o Einer der Haupteinwände ist der Vorwurf der Irrationalität.
o Ein weiterer Einwand ist der der sprachlichen Unverständlichkeit. (Teilweise haben Existenzphilosophen neue Wörter erfunden, wie z. B.: Heidegger: „Das Nichts nichtet.“)

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Alle Kommentare RSS

  1. Joanna sagt:
    Hallo,

    wo finde ich denn die Kapitel 1-8?
    Auf Itunes startet der Podcast erst mit Kapitel 12?
    Ich würde gerne bei 1Anfangen :-)
    Freue mch über eine Antwort.

    Grüße
    Joanna
  2. Bernhard sagt:
    Liebe Joanna,

    die Navigation dieses Blogs ist leider etwas verwirrend, die erste Folge gibts hier

    http://philosophie.podspot.de/post/kapitel-1-was-ist-philosophie

    LG
    Bernhard

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