Kapitel 11 - Die Aufklärung, Teil 7: Das Theodizeeproblem

10.03.10, 11:45:54 von philosophie
Das Theodizeeproblem

Neben den Gottesbeweisen ist eines der Hauptthemen in der Religionsphilosophie das so genannte „Theodizeeproblem“. Darunter versteht man den Versuch, die Güte und Gerechtigkeit Gottes zu rechtfertigen, angesichts der Tatsache, dass es auf der Welt Leiden gibt. Warum gibt es Naturkatastrophen, Krieg, Krankheiten und Schmerzen, wenn es einen gütigen, einen „lieben“ Gott gibt? Diese Frage wurde sogar zu einem „negativen Gottesbeweis“ umformuliert.
1. Ein gütiger Gott würde kein Leid zulassen
2. Es gibt Leid.
3. Daher gibt es keinen gütigen Gott.

Hier sind einige der wichtigsten traditionellen Rechtfertigungsversuche und der Gegenargumente:

„Gott schuf die bestmögliche Welt, was sich in der Geordnetheit des Universums zeigt. Auch der Schöpfer kann nicht verhindern, dass die Naturgesetze des Universums notwendigerweise Leid (z.B. Erdbeben) mit sich bringen. Ein geordnetes Universum ist aber in jedem Falle besser als ein ungeordnetes.“
Einwände: Ist die Welt wirklich so wohlgeordnet? Wie steht es um die Allmacht Gottes, wenn er sich (von ihm aus dem Nichts geschaffenen!) Naturgesetzen unterordnen muss? Warum gibt es so viele Krankheiten, die nicht das Immunsystem stärken, sondern völlig sinnlos, weil unheilbar, sind? Beispiel: Es könnte eine Zellsubstanz geben, die die krankhafte Zellwucherung verhindert. Warum haben wir aus nichtigen Gründen starke Kopfschmerzen, aber eine gefährliche Krebserkrankung macht sich unter Umständen durch gar nichts bemerkbar, warum haben wir also ein schlechtes Warnsystem? Man könnte sich jederzeit – wenn schon keine beste – zumindest eine bessere Welt vorstellen; warum könnte diese nicht verwirklicht sein und sie müsste verwirklicht sein, wenn es einen vollkommen Gott gebe. Dieser könnte nur vollkommene Dinge schaffen.

2.„Leid ist ein notwendiger Gegensatz Gott schuf die bestmögliche Welt, was sich in der Schönheit des Universums zeigt. Schönheit setzt jedoch Kontrastreichtum voraus, ohne das Hässliche könnten wir das Schöne nicht erkennen. Ein schönes Universum ist aber in jedem Falle besser als ein hässliches.“
Einwände: Ist das Foltern eines Kindes notwendig, damit unsere Welt schön ist? Wenn durch Impfung eine Krankheit ausgerottet werden kann, verringert sich dann auch die Schönheit der Welt? Außerdem: Leid kann ohne Gutes erfahren werden. Warum soll es umgekehrt nicht sein? Und: Wenn es kein ausschließlich Gutes ohne Leid geben kann, dann dürfte es ja auch keinen Himmel geben. Und: Setzt Schönheit immer und überall Kontraste voraus?

„Alles Leid erfüllt eine wichtige Funktion, nämlich die der sittlichen Besserung. Es dient der Ausbildung moralischer Tugenden wie Solidarität, Mitgefühl, Tapferkeit, Pflichtgefühl.“
Einwände: Das Leid der Tiere beispielsweise kann zunächst gar nicht damit erklärt werden, weil Tiere zur Ausbildung der oben genannten Fähigkeiten nicht (oder nur in eingeschränktem Maße) fähig sind. Soll die Todespein von Menschen wirklich dadurch gerechtfertigt sein, dass andere lernen, sich mildtätig zu verhalten? Haben diese höheren Tugenden überhaupt noch einen moralischen Wert, wenn sie um den Preis erkauft werden, dass unschuldige Menschen sinnlos leiden müssen? Gibt es nicht viele Menschen, die durch Leid gerade nicht solche Tugenden entwickeln, sondern im Gegenteil daran verzweifeln und zerbrechen? Entsteht dadurch nicht neues Leid und Verbitterung? Und wenn ich Böses tue, ist das nicht eigentlich begrüßenswert, weil ich dadurch die Möglichkeit schaffe, dass Menschen eben diese höheren Werte anstreben? War vielleicht sogar der Holocaust gut, weil er bei der Bekämpfung der Nationsasozialisten zur Ausbildung menschlicher Tugenden geführt hat? Dieser Rechtfertigungsversuch führt zu moralischem Chaos, zur Missachtung aller unserer Intuitionen - also gerade n i c h t zu mehr Moralität und ist insgesamt schwer nachvollziehbar, wenn nicht sogar hochgradig zynisch. Legt die Vorstellung, dass Leid absichtlich gebilligt wird, nicht vielmehr einen bösen Gott nahe?

„Gott schuf die bestmögliche Welt, was sich in der Freiheit des Menschen zeigt. Freiheit bedingt, dass Menschen sie (gelegentlich) missbrauchen und das Böse tun. Die meisten Leiden der Welt kommen auf diese Weise durch den Menschen selbst in die Welt“
Einwände: Dieses Argument bezieht sich nur auf die moralischen Übel, daneben gibt es enorm viel sinnloses Leid, für das der Mensch gar nicht verantwortlich ist (z.B. Naturkatastrophen) Und zum menschlichen Fehlverhalten: Wenn ein Vater sieht, dass sein Kind in den Abgrund läuft, wird er dies nicht verhindern, wenn er es liebt und damit dessen Freiheit einschränken? Warum sind wir überhaupt so geschaffen, dass es so schwierig ist, moralisch zu sein? Warum sind wir nicht „von Haus aus“ mit mehr Verstand und Mitgefühl ausgestattet? Wenn Gott als allmächtig gedacht wird, fällt das Verhalten der Geschöpfe immer auf den Schöpfer zurück. Außerdem erklärt dieses Argument wiederum nicht, warum es so VIEL Leid gibt. Im übrigen: Freiheit alleine ist eigentlich noch gar kein Wert, erst wenn sich diese mit z.B. Wohltätigkeit verbindet, wird Freiheit sozusagen „wert-voll“. Oft wird sogar die Freiheit selbst als Übel empfunden, die sprichwörtliche „Qual der Wahl“. Nebenbei bemerkt gibt es auch Meinungen von religiöser Seite (z.B. im Calvinismus), wonach dem Menschen überhaupt keine Freiheit zukommt.

„Eigentlich gibt es gar keine Übel! Die angeblichen Übel sind bloß eine Beraubung, eine Unordnung, Böses ist lediglich ein Mangel an Gutem. (die so genannte „Privationslehre“)“
Einwände: Während „Glück“ oft schwierig zu definieren ist, wird gerade Leid als sehr real empfunden. Wenn mein heftiger Zahnschmerz eine Täuschung ist – was ist dann noch real? Legt diese Weltsicht nicht einen täuschenden Gott nahe? Und wenn es gar kein Leid gibt – wofür brauchen wir dann noch den Erlöser?

„Es gibt Übel, aber: Gott selbst litt für uns und er ist es, der mit uns die Last des menschlichen Leides trägt.“
Einwände: Die Idee des „leidenden Gottes“ wird hauptsächlich im Christentum, weniger oder gar nicht im Islam oder Judentum vertreten, nicht zuletzt, weil dies Gottes Allmacht zu widersprichen scheint. Insgesamt ist die Argumentationsweise etwas verwirrend: Gott schafft selbst Leid oder lässt Leid zumindest zu und leidet dann selbst darunter? Kann damit nicht jeder Schmerz, den Menschen einander zufügen gerechtfertigt werden? Abermals erklärt dieses Argument auch nicht die Überfülle an Leid, mit der wir Menschen konfrontiert sind.

„Gott ist die höchste Güte, aber seine Güte ist nicht die unsere. Gott ist mit menschlichen Kategorien nicht zu begreifen. Da wir seine Wege nicht verstehen, kann er auch nicht kritisiert werden.
Einwände : Wenn es vermessen ist, Gott zu kritisieren, ist es auch vermessen, ihn zu verteidigen. Das Argument erweist sich als Bumerang, denn nun könnte man einhaken und sagen : Ja, vielleicht gibt es einen Gott, aber wenn wir ihn nicht verstehen, wie können wir dann noch sicher sein, dass wir überhaupt den richtigen Gott anbeten ? Wenn wir aus menschlicher Perspektive gar nichts Sinnvolles und Verständliches über Gott aussagen können, welche Bedeutung hat er dann noch für uns? Aus einem Buch, das in einer unverständlichen Sprache geschrieben ist, können wir auch nichts lernen.

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